Regen und Enttäuschung

Es war alles nass und kalt. Ich hatte mir zwar eine trockene Hose angezogen aber die Regenjacke war trotzdem noch nass und kalt. Den eigentlichen Plan zum Lidl zu laufen, verwarf ich schnell, da ich dafür an der Schnellstraße hätte langlaufen müssen. Also zum Carrefour in der Innenstadt. Bei dem Wetter ist die Stadt wie ausgestorben. Die Regale im Carrefour waren schon gut leer, das Obst und Gemüse war teilweise schon braun und vertrocknet und sah nicht mehr wirklich genießbar aus. Als ich alles zusammen hatte und meine Klamotten wieder klamm waren, nieselte es nur noch etwas.

Lourdes ist als Pilgerstätte, bei der das Wasser aus der Quelle unterhalb der Kirche heilende Fähigkeiten haben soll und das dort schon Menschen mit unheilbaren Krankheiten wie durch ein Wunder geheilt wurden, berühmt. Für mich war es eher eine ausgezehrte Kuh, aus der noch die letzten Tropfen Milch gequetscht wurden. Die Straße hin zum eingezäunten Bereich der Kathedrale und allen Einrichtungen, die dazu gehörten, war vollgestopft mit Souvenir-Shops, die Kerzen mit Marienbildnissen, Ketten, Rosenkränzen und sonstigem Trödel zu Mondpreisen anboten. Das mit Abstand lächerlichste und dreisteste waren Plastikflaschen in Form der Heiligen Bernadette und Kanister bis zu fünf Litern, um das „heilige Wasser“ der Quelle mit nach Hause zu nehmen. Architektonisch macht der ganze Komplex schon sehr was her. Vor der Kirche ist ein riesiger Platz mit einer Statue der Heiligen Bernadette. Auf beiden Seiten führen geschwungene, von Bögen getragene Rampen auf den Vorplatz der Kirche. Dazwischen liegt die Basilika, ein großer Raum, bestehend aus drei Kuppeln mit, meiner Meinung nach eher Mittelmäßigen Mosaiken an den Wänden. Die Kirche über der Basilika wurde flankiert von zwei kleineren Türmen, die irgendwie nur zum Schönaussehen gebaut wurden und in deren Fundamenten sich ehemalige Souvenir-Shops befanden. Sowohl die Basilika als auch die Kirche mit dazugehöriger Krypta waren mit Marmortafeln zugekleistert, auf welchen Danksprüche und Namen standen. Ansonsten hatte die Kirche außer der protzigen Architektur des frühen 20 Jahrhunderts wenig zu bestaunen. Erstaunlicher war jedoch, wie leer sie war. All die Menschenmassen ließen Basilika und Kirche wortwörtlich links liegen, um zur Quelle und den Bädern zu gelangen. Dieser angeblich so heilige Ort hatte für mich so überhaupt nichts davon. Die Atmosphäre war eher gestresst und gehetzt und nicht wie in meiner Vorstellung anmutig und beruhigend.

Ich fühlte mich so fehl am Platz zwischen Gruppen von Rollstuhlfahrern, die von ihren Pflegern in einer Geschwindigkeit über den Platz geschoben wurden, als könnte jede Minute ihre letzte sein und Menschen aus aller Welt, die fast im Laufschritt Richtung Quellwasser liefen, mit mehreren Kanistern, Flaschen und Kerzen unter dem Arm. Vielleicht sehe ich das auch alles zu kritisch oder mir fehlt die nötige Spiritualität, aber ich kann mir bei bestem Willen nicht vorstellen, dass das Wasser, was übrigens genauso geschmeckt hat wie auf dem Zeltplatz irgendwelche heilenden Kräfte besitzt. In meinen Augen ist es alles einfach eine weitere widerliche Art Geld mit der Leichtgläubigkeit der Menschen zu machen. Wenn man ganz fest daran glaubt, dann hilft das Wasser bestimmt bei den nächsten Rückenschmerzen. Und dann steht man an, um einmal mit der Hand über die schon rundgerubbelte Grottenwand zu fahren, die Hand unter das Quellwasser zu halten, welches aus der Wand sprudelt, um anschließend ein Foto von sich mit der Marienfigur im Hintergrund zu machen und seinen Kanister aufzufüllen. Ja es gibt nicht nur eine Quelle, in der man das Wasser abschöpfen kann, nein es gibt mindestens zwanzig Wasserhähne. Vor den Bädern hinter der Kirche standen die Menschen gequetscht, wie in japanischen Zügen, nur um in Wasser zu baden, dass mit allergrößter Wahrscheinlichkeit aus der gleichen Leitung kommt, die auch die restliche Stadt versorgt. Die wenigsten Menschen, die nach Lourdes kommen, machen das aus einem religiösen oder spirituellen Grund, sondern um ein paar Fotos zu machen, sich eine Flasche Wasser abzufüllen und mit dem Gedanken nach Hause zu gehen, dass man jetzt heiliges Wasser zum Tee kochen hat. Eher angewidert vom ganzen Kommerz als von der ergreifenden heiligen Atmosphäre drehte ich der Kirche den Rücken und ging einkaufen.

Am nächsten Morgen gab es wieder Porridge mit Vanillezucker, Apfelmus, Bananen und Birnen. Danach packten wir alles wieder ein, diesmal fast trocken und marschierten in Richtung Bahnhof. Dort angekommen setzten wir uns auf eine Bank und beobachten, wie sich eine Gruppe von Touris in den Zug nach Paris durch zwei Türen drängelten (die Türen am anderen Ende der Wagen waren frei) und der Reiseleiter Mühe hatte alle Hartschalenkoffer (jeder der Touris hatte mindestens zwei Koffer) allein in den Zug zu stopfen.  Nachdem das Spektakel mit fünf Minuten Verspätung nach Pairs abgefahren ist, warten wir auf unseren Zug nach Bayonne.

Kanister, Flaschen und Marienfiguren

Wenigstens sah die Kirche im herbstlichen Ambiente sehr schön aus.

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