Ein neues Abendteuer

Wir leben noch, für alle die sich schon Sorgen gemacht haben. Es ist Vieles anders gekommen als gedacht. Diese Zeilen schreibe ich schon von zu Hause, also seit gespannt, was seit dem letzten Eintrag alles passiert ist.

Zufälligerweise genau einen Monat, nachdem wir aufgebrochen sind, starteten wir und liefen die ersten Kilometer auf dem Camino Frances. Da wir aus unseren anfänglichen Fehlern gelernt haben, beschlossen wir, die ersten 20 Kilometer in der Mitte zu teilen und auch die weniger anstrengende Route durchs Tal zu nehmen. Für die erste Etappe gibt es nämlich zwei verschiedene Routen, eine für den Sommer und eine für den Winter. Die für den Sommer ist die anstrengendere von beiden, es geht direkt bergauf und über den Pass mit um die 900 Höhenmeter. Die zweite Route für den Winter führt durchs Tal, zwar auf der Straße aber mit nicht so vielen Höhenmetern auf den ersten zehn Kilometern. Da im Winter der Pass verschneit ist, muss diese Route zwangsweise genommen werden. Und im Nachhinein betrachtet, war das auch die richtige Entscheidung. Die Straße schlängelte sich an den unteren Talhängen entlang, vorbei und Weiden mit Kühen und Schafen, an vereinzelten Häusern vorüber und durch schattige Wälder. Die Sonne schien warm und freundlich, was unsere Stimmung jedoch nur ein bisschen hob. Zu groß waren noch die Ängste vor dem Unbekannten. Die Hälfte unseres Weges hatten wir schon hinter uns, als wir uns zum Mittagessen vor die erste kleine Dorfkirche gesetzt haben, sie war zu. Also Brot, Apfel und Müsliriegel in sich reinstopfen und weiter geht es. Die Herberge in Valcarlos war gruselig. In den Kellerräumen der Schule gelegen, glich sie eher einem Bunker. Der Schlafsaal hatte ein Fenster, das schummrige und teilweise auch nicht funktionierende Licht versuchten gekonnt, den Schimmel in den Duschen zu kaschieren. Die Küche bot uns Kühlschrank, Geschirrspüle und Mikrowelle, welche alle außer Betrieb waren und einen Getränkeautomaten, angetrieben von einem Motor, der einen Höllenlärm machte. Die Stockbetten waren in wie in Knastmanier wackelig und aus Metall. Und das alles war noch nicht einmal das Schlimmste. Nein das Schlimmste war, dass wir in diesen gemütlichen Räumlichkeiten allein waren. Auf dem Weg nach Valcarlos haben wir vielleicht drei oder vier Pilger gesehen. Da wir noch viel Zeit hatten, bis es Abend wurde, haben wir noch einen kleinen Spaziergang zu einer Kapelle unternommen und dort die letzten Stücken Kuchen gegessen.

Fasst eine kleine Alpenidylle

In der Nacht haben wir so gut wie gar nicht schlafen können. Es war viel zu warm und stickig in diesem Kellerraum, so dass wir noch vor Sonnenaufgang aufgestanden sind, um endlich weiter zu laufen. Unser Frühstück bestand aus einer Packung schlecht schmeckender Milchbrötchen, die wir auf dem Dorfplatz gegessen haben. Und dann ging es endlich weiter. Auf der Passstraße zu laufen, macht nicht ganz so viel Spaß, uns wurde gesagt -immer links laufe-, was hieß, dass uns Autos, Wohnwägen und 40 Tonner entgegenkamen und von denen manche keine Lust hatten uns weiträumig zu umfahren. Nach drei Kilometern Straße bog der Weg Richtung Fluss ab. Es wurde immer grüner und feuchter, es war wie im Urwald, die Steine auf dem Trampelpfad ähnlichen Weg waren nass, Ranken hingen über den Weg, Moos bedeckte morsche Baumstämme, Wurzeln bahnten sich ihren Weg durch die Felsen, es war wunderschön. Wunderschön ruhig, vereinzelt hörten wir etwas Vogelgezwitscher und das monotone Rauschen des Flusses, an dessen Ufer der Weg sich weiter den Hang hinaufzieht. Dieser Abschnitt des Weges, war landschaftlich der Schönste. Aller zwei Kilometer schien sich die Flora zu verändern, liefen wir am Anfang noch durch einen Urwald, kamen wir später an schroffen Felsformationen, eingebettet in Heidekraut und Farne vorbei, die ein paar Schritte weiter in Laubwälder aus Eichen, Kastanien und Buchen übergingen. Wieder zwei Kilometer weiter liefen wir durch hohe, lichte Buchenwälder, die sich in sonnendurchflutete Birkenhaine verliefen als wir nach 700 Höhenmetern über den Pass gelangten. Vom Pass aus war es nur noch ein Katzensprung den Hang hinunter zur Herberge von Roncesvalles.

Trotz wenig Schlaf immer noch gut gelaunt – aber auch schon ordentlich verwildert
Ein bisschen wie im Urwald

Die Herberge war in einem ehemaligen Augustinerkloster und konnte um die 180 Pilger aufnehmen. Neben dem Kloster gab es noch eine Pension mit Gaststätte und ein Hotel, für die Pilger mit mehr Geld. Am Eingang der Herberge wurden wir von freundlichen Niederländern begrüßt, die als freiwillige Hospitaleros arbeiteten. Im Gegensatz zur ersten Herberge war diese hier ziemlich voll, von den zwei großen Schlafsälen war der eine ganz voll und der zweite zu Teilen belegt. Man sollte dazu sagen, dass ein Schlafsaal 70 Menschen fasst. Auch waren hier die Sanitäranlagen sauber und die Stockbetten aus Holz waren von drei Seiten zu und in Abteile von je zwei Stockbetten unterteilt. Trotz dessen, dass es so viele Pilger auf einem Haufen waren, hatte man doch erstaunlich viel Privatsphäre und es war eine ruhige Atmosphäre. Wir machten noch einen kleinen Spaziergang durch die Weiden, die vor dem Kloster lagen und gingen dann später zum Abendbrot in die kleine Gaststätte, die ein Pilgermenü anbot. Für mich gab es Hühnchenkeule mit Nudeln und Pommes und für Helene statt dem Hühnchen Salat, inklusive eines Nachtischs. Dort beim Essen haben wir auch eine Deutsche getroffen, mit der wir uns gut unterhalten und austauschen konnten. Gesättigt konnten wir in diesem riesigen Saal voller Menschen erstaunlich gut schlafen. Am Morgen wurden wir halb sieben von gregorianischen Gesängen aus der Musikbox geweckt, nicht wenige Pilger sind aber schon halb vier oder noch eher aufgestanden. Frühstück gab es wieder in der kleinen Gaststätte und dann ging es kurz vor acht im Dunkeln weiter.

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