Nach einem guten Frühstück ging es hinaus in die kühle und frische Luft der Morgendämmerung. Der Nebel waberte in dichten Schwaden über die Weiden vor dem ehemaligen Kloster. Die Sonne war noch nicht aufgegangen und so liefen wir gut gelaunt und frohen Mutes das erste Stück des Weges durch den finsteren Wald. Das dämmrige Licht reichte aus, um ohne Taschenlampe den Weg nicht aus den Augen zu verlieren. Nach den ersten zwei Kilometern, die wir in nur zwanzig Minuten hinter uns gebracht haben, kamen wir in das nächste richtige Dorf. Da wir noch etwas zu Essen brauchten gingen wir in den dortigen Dorfladen. Nachdem wir den Laden betreten hatten, schallte uns aus den laut aufgedrehten Boxen aus Théodore Dubios „Les Sept Paroles Du Christ“ die Primera Palabra entgegen, das ganze Stück ist ein Oratorium bestehend aus 7 „Paroles“, gesungen vom Spanischen Bariton Juan Pons. Und ich finde es eine wunderbare Art mit so einer Musik in den Tag zu starten. Der Laden war mit allem ausgestatten, was ein Pilger braucht und auch der Verkäufer hinter der Theke hatte super Laune. Und da es der erste richtige Lebensmittelladen im Umkreis von 20 Kilometern ist, kann ich seine gute Laune sehr gut nachvollziehen. Ab da ging es ein Stückchen durch ein fast ausgestorbenes Dorf, das immer noch in dichten Nebel gehüllt war. Als wir das Dorf über einen Bauernhof, auf dem uns ein paar kleine Katzen begrüßten, verlassen hatten, ging der Weg zwischen Kuhweiden hindurch, über Hügel, die sich elendig langzogen. Irgendwann hatte man beschlossen den angenehmen Schotter mit Beton auszutauschen, der sich ziemlich bescheiden lief und ordentlich auf die Knie ging. Die Sonne wurde immer stärker und der anfänglich sehr herbstlich trübe Morgen machte einem warmen, fast sommerlich sonnigem Tag Platz.



Als wir schon über die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten, machten wir Mittag und waren überrascht, wie viele Pilger immer noch unterwegs waren. Alle zwei bis fünf Minuten kam jemand vorbei. Es waren viele Asiaten aus Korea und Japan, aber auch viele Spanier, Briten und Italiener. Es kamen welche mit großen Rücksäcken, viele mit kleineren, manche mit nur einem Tagesrucksack. Es kam eine, mit aufgenähten Stickern von jedem schon gelaufenem Camino (es waren mindestens sechs oder sieben), viele waren allein oder zu zweit, zwei Franzosen mit kräftigen Stimmen, die singend des Weges daherkamen. Manche liefen gemütlich, manche hatten einen sehr strammen Schritt, und von Anfang 20 bis ende 60 waren alle Altersgruppen vertreten. Nach einer guten Mittagspause ging es auf die letzten fünf von 21 Kilometer. Die Landschaft wurde mit jedem Kilometer spürbar trockener, die Wege steiniger, das Gras brauner und aus den Buchen wurden Wacholder und Buchsbaumbüsche. Auf den letzten zwei Kilometern liefen wir auf einer breiten Schneise der totalen Verwüstung, die geschaffen wurde, weil der alte Weg, der weiterhin nebenan verlief, vermutlich zu klein geworden ist und die Pilgermassen nicht mehr aufnehmen konnte.







Unser Ziel war Zubiri, ein Dorf, welches ohne den Camino vermutlich längst ausgestorben wäre. Für die nächste Nacht haben wir uns ein Zimmer zu zweit mit eigenem Bad genommen und mal wieder in ruhe Schlafen zu können. Die kleine private Herberge war klein und gemütlich, das eigene Bad war schön sauber und die Dusche, um den Staub abzuwaschen ein wahrer Segen. Nach dem Duschen haben wir unsere Wäsche gewaschen, die nach den drei Tagen ganz schön streng roch und haben uns dann auf die Suche nach etwas zu Essen begeben. Was mal wieder schwerer war als gedacht. Eigenlicht wollten wir in der Herberge essen, da es dort aber nur essen gibt, wenn mindestens vier Pilger sich für das Abendbrot anmelden, und sich außer uns niemand gemeldet hat, hieß es also im Dorf nach etwas zu suchen. Also auf Google Maps nach Einkaufsläden suchen, diese im Dorf abklappern und feststellen, dass beide geschlossen hatten. Also wieder zurück in die Herberge und die sehr nette Hospitalera fragen, wie man hier sonst noch an etwas essbares gelangt. Dann in das empfohlene Restaurant laufen und dort ein Pilgermenü bestellen. Und das war, gelinde gesagt essbar, aber nicht lecker. Das Bestellen und die Verständigung mit der nur spanisch sprechenden Bedienung waren noch recht einfach, auf der Speisekarte etwas ohne Fleisch oder Fisch zu finden dagegen, ein Ding der Unmöglichkeit. Helene hat sich einen Salat und Nudeln bestellt, ich irgendeine Kartoffelsalatähnlichen Pampe und ein Kalbfilet. Also… die Salate wurden bestimmt schon am Morgen zubereitet und dann im Kühlschrank aufbewahrt, Helenes Salat hatte irgendetwas undefinierbares, wo wir uns bis heute nicht sicher sind, ob es Fisch oder Fleisch war, meine Salatpampe sah aus wie erbrochenes und hat nach nicht viel geschmeckt. Die Nudeln, die sich Helene bestellt hatte, waren, Überraschung, mit Bolognese und mein Filet ein schlappriges, halbgares Stück Leder mit ein paar Pommes aus der Tiefkühltruhe.
Nach dem ziemlich enttäuschenden Abendbrot ging es in die Herberge zurück.