Wir haben gemerkt, das früh aufzustehen, gar keine so schlechte Idee ist und sind deshalb auch wieder halb sieben aufgestanden. Dann hieß es wieder: Sachen zusammenpacken, frühstücken und weiterlaufen – die nächsten 20 Kilometer bis Pamplona. Es war wieder angenehm frisch und die Luft war klar. Aber die Leichtigkeit des Vortags fehlte gänzlich, schon die ersten Kilometer schlauchten und auch die vielen Pilger, die uns begegneten, wurden uns zu viel. Der Rucksack drückte unangenehm auf die Schultern und selbst die Landschaft wurde zunehmend karger, trister, trockener. Es ging vorbei an einem Kieswerk, einem Dorf, bestehend aus drei oder vier Häusern, einer wie eine Burg aussehenden, alte Kirche mit Badehaus und vertrockneten Wiesen. Der Herbst, der auch hier Einzug hielt war eher braun als bunt.





Zum Mittag suchten wir uns ein seichtes, steiniges Flussbett an einer Brücke aus und ließen uns etwas missmutig auf einen dort liegenden Baumstamm fallen. So trostlos wie die Landschaft war auch unser Mittag – bestehend aus einer Handvoll Erdnüssen, einem Apfel, einer Banane und Müsliriegeln. Um die eher gedrückte Stimmung zu vergessen, sammelten wir flache Steine und ließen sie über das Wasser hüpfen. Für ein paar Minuten konnten wir alles um uns herum vergessen und uns darüber freuen, wie viele Hüpfer die Steine auf dem Wasser schafften, bevor sie untergingen. Und gerade diese kleinen Momente der Freude und Sorglosigkeit geben uns dann doch so viel Kraft, um weiterzulaufen. Und diese Kraft brauchten wir auch. Der folgende Weg entlang der Felder wurde immer trister und trostloser. Wir sahen vor uns und hinter uns Pilger, die sich zusammen mit uns als dünnes Band durch die Landschaft schlängelten. Immer wieder an diesem Tag wurden wir von Pilgern mit dunkelblauen Tagesrucksäcken überholt, die leichten Fußes und mit lauten Stimmen an uns vorbeiliefen. Nach etwas Recherche sind wir zu dem Schluss gekommen, dass es sich um einen Betriebsausflug der Francisco de Vitoria Uni aus Madrid handeln könnte. Denn mit der Compostela (Also der Urkunde, die man in Santiago bekommt, wenn man erfolgreich den Jakobsweg absolviert hat) hat man in Spanien bessere Chancen bei der Jobsuche oder kann sich mit ihr andere Vorteile erschleichen.
Das Laufen nach der Mittagspause ging noch schleppender voran als davor. Der Rucksack lag, wie eine zenterschwere Last auf meinen Schultern. Mittlerweile war ich mir ziemlich sicher, dass ich einfach zu dünn um die Hüften war, um den Rucksack ordentlich tragen zu können. Damit dieser gut sitzt, muss der Hüftgurt nämlich mittig auf den Hüftknochen sitzen, tut er das nicht, ist kein Platz zwischen den Schultern und den Schulterträgern des Rucksacks, weshalb die Last dann direkt auf den Schultern liegt. Und bei mir saß er, beziehungsweise rutschte er immer unter den Hüftknochen.
Wir haben auf diesem letzten Stück des Weges wirklich lange darüber nachgedacht, wie es ab Pamplona weitergehen soll. Das Ergebnis war, dass wir nicht mehr weiterlaufen werden. Wir hätten zwar sowohl den Willen, als auch die Kraft noch weiter laufen zu können, aber diese Art zu Wandern macht keinen Spaß und ist in unseren Augen nicht wirklich gesund. Wo liegt der Sinn, sich Tag für Tag zu quälen, um auf Teufel komm raus in Santiago anzukommen? Sich jeden Tag aufs Neue zu fragen: wie lange ist es noch und wann kann ich diesen tonnenschweren Rucksack endlich wieder absetzen? Es ist so wenig nach Plan gelaufen auf dieser Reise und wir haben uns von Anfang an mit unserem Rucksackgewicht verkalkuliert. Am Ende war unsere Gesundheit uns wesentlich wichtiger als das Ziel Santiago und ich bin mir sicher, dass jeder der in unserer Situation gewesen wäre, das Gleiche getan hätte. Also stand der Plan fest, ankommen, eine Woche in Pamplona bleiben und dann mit immer noch ausreichender Kraft in Richtung Berlin nach Hause fahren.



Die letzten drei Kilometer durch die asphaltierte Vorstadt zogen sich als zäher Gummi. Es war das schönste Gefühl, an der deutschen Herberge „Albergue Paderborn“ (Paderborn und Pamplona sind Partnerstädte) anzukommen, die uns in Jean-Pied-de-Port empfohlen wurde. Die Herberge ist das einzige Haus, welches noch am Flussufer unterhalb der Stadt steht. Begrüßt wurden wir von zwei supernetten und herzlichen älteren Damen, die hier für drei Wochen als Freiwillige arbeiteten. Auch die Deutsche, die wir in Roncesvalles getroffen haben, war schon da. Mir viel eine Gepäckwage, die an der Garderobe hing, ins Auge und wir hängten aus Spaß unsere Rucksäcke daran, um zu schauen, mit wie viel Kilo wir eigentlich laufen. Eine der Hospitaleras machte große Augen, als sie sah, wie schwer die Rucksäcke waren. Die Waage bestätigte noch einmal unsere Entscheidung nicht mehr weiter zu laufen. Auf meinen Schultern saßen für die letzten vier Tage dreizehneinhalb Kilo, bei Helene waren es vierzehn. Aufmerksame Leser werden jetzt die Brauen hochziehen und sich fragen, wie das sein kann, da wir ja anfangs geschrieben haben, dass unsere Rücksäcke (da noch mit Campingequipment und Zelt) ja schon 13 Kilo wogen. Nun ja, so wies aussieht, war unsere Körperwaage nicht so ganz genau beim Wiegen. Die zwei Pakete, die wir schon nach Hause geschickt haben, wogen zusammen sieben Kilo, was heißt, wir sind die ersten 27 Kilometer mit rund 16 oder 17 Kilo gelaufen. Rückblickend war es vermutlich besser, nicht gewusst zu haben, mit wie viel Kilo auf dem Rücken wir los sind, das hätte die Stimmung anfangs vermutlich ziemlich gedrückt. Wie auch immer. Danach kam dieselbe Prozedur wie in jeder anderen Herberge: Sachen neben dem Bett abstellen, duschen gehen, sich wie neugeboren fühlen, und nach etwas zu Essen recherchieren. Für diesen Abend entschieden wir uns für einen Italiener in der Innenstadt. Nach einem kleinen Spaziergang durch die Stadt, an der Kathedrale vorbei, um einen ersten Eindruck zu bekommen, sind wir zu später Zeit zum Italiener gelaufen. Als wir ankamen, stellten wir fest, dass es eher nach einem nobleren Schuppen aussah als nach einem normalen Restaurant. Aber was solls, das hatten wir uns verdient. Also rein da und gemütlich machen. Und meine Güte war das ein Gaumenschmaus. Wir konnten Nudeln und Soßen beliebig miteinander kombinieren. Ich bestellte mir dreieckige Ravioli mit einer Birnen-Gorgonzolafüllung mit Gorgonzolasoße und Helene die gleiche Soße mit Rigatoni. Zum Nachtisch gab es noch Tiramisu und Mascarponecreme mit Schokolade. Glücklich, satt und zufrieden schlenderten wir zurück zur Herberge und mussten feststellen, dass wir in unserem Vierbettzimmer zwei asiatische Nachbarn bekommen hatten. Ich weiß nicht ob es ein Vorurteil oder Klischee ist, das Asiaten nicht Schnarchen, zumindest haben wir uns das immer eingebildet. Sollte es wirklich so sein, dann kann ich dieses Gerücht hier aus der Welt schaffen. Das, was der Mann in dieser Nacht an Holz gefällt hat, war bemerkenswert. Am Morgen hatten wir so wenig schlaf bekommen, wie er Bäume stehen gelassen hat. Aber zumindest konnten wir diese Herbergen Erfahrung auch noch auf unserer Bucketlist abhaken.





Und wie die nächste Woche in Pamplona verlief, könnt ihr im nächsten Eintrag lesen.